»Frauen sollen auch mal ein vermessenes Ziel haben«
Seit reichlich einem Jahr vertritt Barbara Ludwig als Oberbürgermeisterin von Chemnitz die Interessen der Stadt. Sie hat in der DDR als Pädagogin gearbeitet und nach der Wende den Weg in die Politik eingeschlagen, der sie in den Landtag sowie an die Spitze des Wissenschaftsministeriums führte. Im Gespräch zeigt sich die Karrierefrau schlagfertig und redegewandt.
Frau Ludwig, Sie sind 1962 in Karl-Marx-Stadt
geboren und aufgewachsen. Welche Erinnerungen haben Sie an die
Stadt Ihrer Kindheit?
Wie eine Kindheit in den 60er Jahren eben ausgesehen hat: Wir haben
viel draußen gespielt und wenig ferngesehen. Als Kind habe
ich auf der Augustusburger Straße gewohnt. Im Winter waren
wir Rodeln auf dem Martinberg. Ich hab' das gespielt, was Jungs so
spielen - wegen meines großen Bruders, der hat mich
beschützt. In den Hort bin ich nie gegangen.
Weil der Krieg viele Lücken geschlagen hatte, gab es viel
Raum, den wir uns eroberten. Zwar hat es kaum Spielplätze
gegeben, aber Brachflächen haben wir zu
Fußballplätzen gemacht.
Würden Sie aus heutiger Sicht sagen: Die
Stadt war kinderfreundlich?
Diese Frage stellt sich ein Kind so nicht.
Trotzdem: Gab es etwas, das nervte?
In meiner Schule, der Rudolfschule, sind die Sporträume in
einem sehr schlechten Zustand gewesen. Im Umkleideraum hat es
gezogen. Ein nasser Raum mit einer dunklen Rinne, in die mir meine
Sachen fielen. So hatte ich zum Sport oft feuchte Sachen an.
Was
macht Chemnitz heute familienfreundlich?
Ich möchte, dass sich Familien hier aufgehoben und verstanden
fühlen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf soll wirklich
Realität werden. Wir investieren 53 Millionen Euro in
Kinderbetreuung, 26 Millionen davon aus dem Haushalt der Stadt. In
einer Initiative setzen wir uns dafür ein, die
Öffnungszeiten in einzelnen Kindertagesstätten bis 20 Uhr
zu erweitern. Es wird gerade geprüft, ob samstags Bedarf
besteht. In Familienbildung, zum Beispiel im "Haus der
Familie", fließen 600.000 Euro. Mit unserer
Jugendförderung werden 84 Projekte zum Kinder- und
Jugendschutz und Jugendtreffs mit 5,5 Millionen Euro
unterstützt.
Freie Wohnungen, deren Vermieter sich über Familien freuen,
Spielplätze und familienfreundliches Bauen machen Chemnitz zu
einer Familienstadt.
Sehen Sie auch Defizite?
Es gibt immer Dinge, die man besser machen kann! In Chemnitz ist
das zum Beispiel die Infrastruktur, wie etwa Radwege. Aber ich
freue mich über die gemeinsamen Initiativen, die zeigen, dass
alle an einem Strang ziehen. Mit "Ab in die Mitte" zum
Beispiel werden junge Familien ins Stadtzentrum gelockt. [Anm. d.
Red. "Ab in die Mitte" ist ein von der IHK ausgeschriebener
Wettbewerb, in dem Chemnitz 2007 den ersten Preis für sein
Projekt "Mitte für Kind und Familie" gewonnen hat.
Demnach wird der Innenstadtbereich kinder- und familienfreundlich
ausgebaut.]
Bei einer Umfrage in der Stadt haben wir Kinder
und Familien lange gesucht. Die Bevölkerungsprognose sagt
voraus, dass in ein paar Jahren jeder dritte Chemnitzer über
65 ist. Haben Sie dennoch Ideen, wie sich die Stadt jung halten und
Familien anziehen kann?
In ganz Europa sinken die Geburtenraten, nicht nur in Chemnitz.
Städte wenden sich den Familien und ihren Bedürfnissen zu
und werben um junge Menschen. Junge Familien sollen sich entwickeln
können. Ich möchte aber genauso, dass sich die
Älteren aufgehoben fühlen, sie sollen gerne und gut hier
alt werden. Es ist schlimm, dass in unserer Gesellschaft das Altern
einseitig negativ gesehen wird. Dabei ist die Weisheit im Alter
doch ein Menschheitstraum.
Sie haben studiert und sind als Lehrerin und
Erzieherin tätig gewesen, bevor Sie in die Politik gegangen
sind, aber Sie sind auch Mutter. Wie haben Sie Kind und Karriere
immer unter einen Hut bekommen?
Ich bin Mutter geworden, als ich mit 20 Jahren gerade mein Studium
beendet habe. Im Juni war die Prüfung und im August habe ich
meine Tochter bekommen. Danach bin ich ein Jahr zu Hause geblieben,
eine wunderschöne Zeit. Meine Tochter ist inzwischen 25 Jahre
alt und eine selbständige junge Frau. Ich habe ein intensives
Verhältnis zu ihr. In der DDR hatte man sicherlich Vorteile
als junge Mutter. Es war ja selbstverständlich, jung Kinder zu
bekommen und arbeiten zu gehen. Trotzdem geht da am Anfang
natürlich mit der ersten Wohnung und dem Berufseinstieg eine
ganze Menge schief. Das sind Wege, die im Gehen entstehen.
Mein Vorteil als junge Mutter hat aber darin bestanden, dass ich
zur Wende erst 27 Jahre alt war und eine neue Entscheidung für
mein Leben treffen konnte. Meine Tochter war damals sieben und
immer mit dabei.
Welche Tips können Sie jungen Frauen in
punkto Karriereplanung heutzutage geben?
Das ist eigentlich eine Entscheidung, die jede Frau selbst treffen
muss. Ich rate aber Frauen zu einer bewussten Berufsbiographie. Sie
sollten sich nicht lange aufhalten lassen und auch mal ein
vermessenes Ziel haben. Sie sollten sich fragen, was sie erreichen
können und nicht nur Modeberufen folgen. Es ist sicherlich
nicht gut, zu lange aufs Kind zu warten. Einfacher wird es
später nie.
Und ich wünsche mir Chefinnen, die Frauen Chancen geben. Das
versuche ich zu leben.
Dass auch Arbeitgeber die Familienfreundlichkeit
berücksichtigen sollten, diese Einsicht setzt sich langsam
durch. Welche positiven Impulse kommen aus Chemnitz?
Arbeitgeber in Chemnitz sind eingeladen, Maßstäbe in der
Familienfreundlichkeit zu setzen. Die Stadt unterstützt sie
dabei. Ein Unternehmer baut eine Kindertagesstätte als
Betriebskindergarten, andere lassen Plätze für ihre
Mitarbeiter bei uns reservieren. Die Bundesinitiative
"Kinderfreundlichkeit im eigenen Interesse" fördert
familienfreundliche Firmen darüber hinaus.
Was machen Sie an einem freien Sonntag mit Ihrer
Familie in Chemnitz?
Wenn ich es einrichten kann, treffe ich mich mit meiner Tochter.
Wir laufen eineinhalb Stunden und reden miteinander. Dann ist das
Wichtigste meist schon ausgetauscht. Oder wir gehen zusammen essen.
Manchmal ist noch meine Mutter dabei.






