Kinderarmut - in Thüringen und Sachsen (k)ein Thema!?
»Sind Kinder ein Armutsrisiko? Kann es sich eine familienfreundliche Gesellschaft leisten, Kinder als Armutsrisiko zu bezeichnen?« Helmut Roth von MitMenschen e.V. heizt die Diskussion im Treffen des Erfurter Familienbündnis erneut an. Einige Kilometer weiter gen Nord-Osten machen im benachbarten sächsischen Freistaat Initiativen wie Straßenkinder e.V. und KinderReich e.V. nachdrücklich auf Hilfebedürftige aufmerksam.
Kinderarmut ist weit mehr als ein Problem für Sozialhilfeempfänger, obwohl man schlichtweg nicht verhehlen sollte, dass rund 25 Prozent aller Kinder in Thüringen von Sozialhilfe leben. Doch auch in Sachsen sieht die Situation nicht besser aus: Mehr als 120.000 Kinder und Jugendliche sind laut einer aktuellen Studie des Sozialwissenschaftlers Ullrich Ginzel von der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit in Dresden hier von Armut betroffen, leben auf Hartz IV-Niveau. Das entspricht 27 Prozent aller unter 15-Järhigen Sachsen. Ganz zu schweigen von der Dunkelziffer.
Lehrbücher, Kopier- und Essensgeld für die Schule, Schreibmaterial - bereits die notwendigsten Dinge für Schulanfänger seien für viele Familien eine ungeheure Belastung und kaum zu bewältigen, ist sich die Bündnisrunde sicher. »Die Schulpflicht ist von diesen Eltern schlicht nicht zu erfüllen«, bringt Guido Kläser, Leiter des Sozialamtes der thüringischen Landeshauptstadt, es schließlich auf den Punkt. »Eigentlich wird es erst später teuer für die Familie, nicht ausschließlich zum ersten Schuljahr«, gibt Anke Klinzing vom Family Club / Deutscher Familienverband weiterhin zu bedenken. Und so werden kostenfreies Schul- und Kindergartenessen, kostenlose Fahrten mit Bus und Bahn und auch freie Eintritte zu Freizeit- und Bildungsstätten rege diskutiert.
Kinderarmut: - In Erfurt ist sie ein öffentliches Thema. - Der erste Schritt in die richtige Richtung, damit sich etwas bewegt…
Ortswechsel:
Die Stadtkirche in Jena ist eingetaucht in warmes herbstliches Sonnenlicht. Es ist Weltkindertag im Jahr 2007. Während nur wenige Meter entfernt der Wochenmarkt Leute zum Spazieren einlädt und ein angrenzender Rummel ganze Menschenmassen zu den Karussells und farbenfrohen Buden zieht, herrscht gähnende Leere auf der Straße vor der Kirche, die an diesem Tag mahnen und aufrütteln soll - in Gedenken an die Kinder dieser Welt und an arme Kinder in Jena. - Kaum jemand scheint sich hierher zu verirren, obwohl das lokale Bündnis für Familien in Jena selbst zum "Flagge zeigen für Kinder!" aufgerufen hat, um für Kinderrechte zu sensibilisieren und um Kinderarmut zu thematisieren.
Das Einzige, was an diesem Tag vielleicht daran erinnert, sind Stoffbahnen aus weißem Leinen, die um einen Bauzaun gewickelte wurden, bemalt von Kindern und verziert mit dem Logo des lokalen Bündnisses. Ruhig ist es auf dem Platz, nur wenige Stände haben sich vor den Toren der Kirche postiert und noch weniger Menschen zeigen für diese Veranstaltung ehrliches Interesse. So hat es weitaus weniger als 25 Menschen in die Kirche St. Michael gezogen, um den Worten eines engagierten Fachhochschul-Professors und denen des Sozialbürgermeisters Jenas, Frank Schenker, zu lauschen, als es um die Kinder dieser Stadt geht.
Auch die öffentliche Meinung zeigte kein Interesse für die Veranstaltung: außer unserer Redaktion waren an diesem Nachmittag des 20. Septembers keine Vertreter von Presse und lokalem Bündnisses vor Ort.
Ein Zeichen?
Flagge zeigen kann Jena zumindest selbst mit eindeutigen Zahlen in Sachen Kinderarmut: Einer Studie von "jenarbeit" zu Folge leben 2.160 Familien in Jena von Hartz IV - darunter 2.925 Kinder und Jugendliche - 23 Prozent. .1391 dieser Kinder sind jünger als sechs Jahre, 1.054 zwischen sechs und 15.
Auch im wenige Kilometer entfernten Gera gibt es klare Zahlen. Aktuell sind hier 3.313 Kinder zwischen null und 15 auf Sozialleistungen angewiesen. Das sind mittlerweile 36 Prozent aller Kinder dieser Altersgruppe - Tendenz steigend…
Und um einmal über Gesamt-Thüringen zu sprechen: im thüringischen Freistaat lebt inzwischen jedes fünfte Kind unter 15 Jahren an der Armutsgrenze - insgesamt 53.000 Mädchen und Jungen. Mit allein 35,5 Prozent in Leipzig, 30,1 Prozent in Chemnitz und 23,4 Prozent in Dresden ist laut Prof. Dr. Wolfgang Scherer vom Fachbereich Soziale Arbeit der Hochschule Mittweida die berechnete Rate der sozial bedürftigen Sprösslinge in Sachsen ebenfalls nicht wegzudiskutieren.
Eines dieser Kinder ist die zehnjährige Rosa aus der Nähe von Leipzig. Rosas Eltern sind vor einigen Monaten zusammen mit Ihrer Tochter und deren beiden Brüdern Thilo und Thomy aufs Land gezogen, in der Hoffnung, hier sei »das Leben und Überleben etwas einfacher«, wie es Rosas Mutter Jasmin ausdrückt. Papa Thorsten arbeitet als Fahrer für ein Taxiunternehmen. Sein Traum ist eine eigene Spedition, die international unterwegs ist. Doch an diesem Frühlingstag im März 2008 hofft er darauf, dass sein Taxi nicht lange stehen bleiben muss.
Mama Jasmin, einst gelernte Kosmetikerin, versucht sich, neben ihrem Sozialgeld, in der Landwirtschaft etwas dazuzuverdienen, um ihre Kinder mit dem Nötigstes versorgen zu können. »Jeder Cent geht für meine drei drauf. Sie sollen es trotz unserer Situation nicht schwerer haben als andere Kinder. Unsere Armut sieht man ihnen nicht an, darauf achten wir sehr«, erzählt Jasmin nachdenklich.
Verschämte Armut. Ein Zustand, den die meisten Familien hinter der Wohnungstür verstecken wollen. Und kaum jemand von uns ahnt, wie es diesen Menschen geht. Ob "Die Tafeln" oder Kinderschutzbund - tagtäglich rühren sich vielerorts beherzte Menschen, Vereine und Verbände, um zu helfen. Lautstark, ohne Rast und Ruhe macht zum Beispiel Straßenkinder e.V. um "Tante E" in Leipzig seit Jahren auf die Missstände unter der Devise »Helfen statt Wegschauen ... wir brauchen Ihre Hilfe. Dringend!« in der Öffentlichkeit aufmerksam. Auch neue Initiativen wie KinderReich e.V. wollen den mehr als 8.000 betroffenen Kindern in der Messestadt neue Möglichkeiten und damit Zukunftsaussichten bieten und rufen zu Patenschaften auf. Geld für Schulessen, Unterrichtsmaterial, Spielzeug oder Mitgliedsbeiträge in Sportklubs soll dadurch zusammenkommen.
Woran kann man Armut eigentlich festmachen? - Wir haben die gefragt, die wohl am ehrlichsten mit dem Thema umgehen: Kinder.
Miriam, acht Jahre: »Man ist arm, wenn man in kaputten und viel zu kleinen und großen Sachen gekleidet in die Schule geht und nichts zu essen hat.«
Stefano, neun Jahre: »Wenn jemand keine Freunde hat und man nicht mit auf Klassenfahrt fahren kann, dann ist man arm.«
Maximilian, neun Jahre, lacht: »Ich glaube, wenn man kein Playstation oder keinen MP3-Player hat.«
Um den Drittklässer herum stimmen alle Kinder in sein glucksendes Lachen ein. Jeder von ihnen weiß, dass Maximilian nur einen Spaß gemacht hat. Und doch sind diese jungen Menschen sich einig: Es muss viel getan werden!
Schreiben Sie uns Ihre Meinung: Was wird in Ihren Augen schon getan, was muss noch angepackt werden, um gegen Kinderarmut anzukämpfen? redaktion@kidsundco-verlag.de






