„Alleskönner“ Handy – nun auch für mein Kind?
Text: Christian Köhler
Ring…ring…ring…Handyklingeln im Supermarkt, in der Straßenbahn oder beim Schlendern durch die Stadt. Schnell noch mit dem Handy ein Erinnerungsfoto vom Wochenendausflug schießen oder den neusten Song als Klingelton herunterladen. Das Mobiltelefon ist aus unserem Alltag gar nicht mehr wegzudenken und allgegenwärtig.
Die neuen Handys sind allerdings nicht mehr nur noch zum Telefonieren da. Immer mehr Funktionen lassen sich mit dem kleinen „Alleskönner“ nutzen: Im Internet surfen, Sms und Mms verschicken, Musikhören, Fotographieren, Filmen und eingebaute Erinnerungs- und Kalenderfunktionen, die bei Vielen bereits den klassischen Kalender ersetzt haben, erweitern das Repertiore. Doch damit nicht genug: Das Handy wird noch multimedialer. Navigationsgerät oder Radio- und TV-Empfang gehören schon mit zu den Standards der höheren Preislage, während Bluetooth und Infrarotschnittstelle zur Kommunikation mit PC und Laptop fast jedes Handy besitzt.
Im Durchschnitt hat nach neuesten Umfragen jeder Deutsche Eins Komma Drei Handys. Dieser Trend macht natürlich auch nicht bei den Jugendlichen Halt. Über 95 Prozent der Jugendlichen zwischen 13 und 19 Jahren haben bereits ein Handy, aber auch immer mehr Jungen und Mädchen unter 13 Jahren gelangen in den Besitz eines Mobiltelefons. »Dies kann ganz verschiedene Gründe haben. Der gewichtigste Grund stellt dabei die Erreichbarkeit des Kindes für die Eltern dar. Laut einer aktuellen Studie besitzt bereits jedes zweite Kind zwischen sechs und sieben Jahren ein Handy«, so Una Großmann, Pressesprecherin vom Informationszentrum für Mobilfunk in Berlin.
Die Nutzung der „Neuen Medien“ ist immer noch bei Kindern und Jugendlichen wesentlich intensiver und häufiger als in älteren Altersklassen. Vor allem durch das Aufwachsen mit Computer und Handy sind die Jüngeren offenbar auf der Höhe der Zeit. Dieser Umstand verschafft ihnen zwar einen Vorteil für ihren späteren Lebens- und Berufsweg, indem der Nachwuchs ständig auf den neuesten Stand – also „up to date“ – der Technik ist, birgt jedoch auch eine Menge Gefahren und Risiken.
So kommen die Kleinen schnell in Berührung mit gewaltätigem oder pornographischem Inhalt, geraten in finazielle Schwierigkeiten, da sie zur Zielgruppe von überteuerten Klingeltönen- oder Videoanbietern werden, denen nach dem Herunterladen sogar noch an teures Abo folgen kann, oder benutzen ihr Handy an Orten, an denen es besser aus bleiben sollte. Darüber hinaus macht vielen Deutschlehrern die oft falsche Schreibweise der deutschen Sprache zu schaffen, die sich die Kinder durch das Verschicken von Sms, in denen nur eine begrenzte Anzahl von Zeichen zur Verfügung steht, angewöhnt haben.
Um diesen Gefahren und Risiken gefahr- und risikolos begegnen zu können, spricht KIDS und Co mit Una Großmann, die wertvolle Tipps für alle Eltern bereit hält, die ihrem Kind ein Handy überlassen wollen.
Ab welchem Alter sollte ich meinem Kind ein Handy zur Verfügung stellen? »Diese Frage ist so einfach nicht zu beantworten. Laut einer aktuellen Studie besitzt bereits jedes zweite Kind zwischen sechs und sieben Jahren ein Handy. Mit steigendem Alter nimmt der Gerätebesitz zu. Den meisten Eltern gibt es Sicherheit, wenn ihr Kind unterwegs erreichbar ist – gerade wenn jüngere Kinder längere Wegstrecken zur Schule, zum Ballettunterricht oder zur Klavierstunde allein zurücklegen müssen. Wichtiger ist, dass Eltern ihren Kindern bereits frühzeitig einen verantwortungsvollen Umgang mit der Technik vermitteln.«
Gibt es gesundheitliche Risiken für mein Kind, wenn es ein Handy besitzt? »Grundsätzlich gilt: Telefonieren mit dem Mobiltelefon schadet nach heutigem Wissensstand nicht. Die deutsche Strahlenschutzkommission (SSK) äußert sich dazu wie folgt: Auf Basis der vorliegenden wissenschaftlichen Studienergebnisse und nach derzeitigem Wissensstand sind Kinder und Jugendliche durch die Hochfrequenzfelder von Mobiltelefonen nicht gefährdet.«
Auf welche Besonderheiten habe ich beim Kauf eines Handys zu achten? »Eltern sollten sich vor dem Kauf eines Handys über Angebote der Mobilfunkbranche für mehr Sicherheit und Kostenkontrolle informieren. Sie können so beispielsweise den Empfang von mobilen Diensten wie das Herunterladen von Klingeltönen einschränken oder den Zugriff auf das Internet per Handy sperren lassen.«
Nehme ich ein Vertragshandy oder ein Handy mit Pre-paid-Karte? »Die Frage ist ebenfalls nicht so leicht zu beantworten. Hatte man vor einigen Jahren noch grundsätzlich dazu geraten, ein Handy mit Pre-paid-Karte zu verwenden, raten wir nun dazu, auch vertragliche Lösungen in Betracht zu ziehen. So bieten einige Anbieter auch Unterverträge für die eigenen Kinder an. Sie sind speziell für Kinder gemacht und verfügen über bestimmte Sperrungen.«
Wie bringe ich meinem Kind
einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Handy bei? »Um Kindern Chancen und Risiken der Technologie bewusst zu machen, sollten sie grundlegende Regeln erlernen. Das Stichwort heißt „Medienkompetenz“. Ähnlich wie der Umgang mit Fernsehen oder dem Internet gelernt sein will, müssen Kinder auch an die verantwortungsvolle Handynutzung herangeführt werden. Sinnvoller als ein Handyverbot ist es, das Kinder lernen, was erlaubt ist und was nicht.«
Was sollten Eltern zum Thema Gewaltvideos unbedingt wissen? »Das Handy ist, ähnlich wie der Computer, ein Sammelbecken für unterschiedliche Medien. Die Kinder und Jugendlichen tauschen damit untereinander Audios, Fotos, Videos und Spiele. Und hin und wieder sind darunter auch Filme mit Gewaltszenen. Gewalthandlungen, die mit einem Handy aufgenommen und im Internet oder von Handy zu Handy verbreitet werden, haben sich mittlerweile zu einem bedenklichen Trend unter Jugendlichen entwickelt. Laut der Jugendstudie JIM 2008 haben 28 Prozent der jugendlichen Mobiltelefonbesitzer zwischen zwölf und 19 Jahren das Filmen von Prügeleien oder ähnlichen Gewaltszenen mit dem Handy – das so genannte "Happy Slapping" (übersetzt: "Fröhliches Dreinschlagen") – schon einmal mitbekommen. Ein Großteil der Täter ist sich dabei weder der Strafbarkeit ihres Handelns noch des Leides der Opfer bewusst. Um das Bewusstsein für die Thematik zu schärfen und pädagogische Maßnahmen gegen Happy Slapping aufzuzeigen, hat das Informationszentrum Mobilfunk e.V. (IZMF) in Kooperation mit der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes einen Kurzfilm für Schulen erstellt. Der Film "Handygewalt" zeigt exemplarisch einen Übergriff unter Jugendlichen und die möglichen Konsequenzen für Opfer und Täter. Dabei liegt der Schwerpunkt beim Thema Opferschutz.«
Wir haben auf Ihrer Internetseite www.izmf.de von einem Handyführerschein für Kinder erfahren. Was hat es damit auf sich? »Schülerinnen und Schüler kommen heute bereits im Grundschulalter mit dem Thema mobile Kommunikation in Berührung. Umso wichtiger ist es, schon in dieser Altersstufe die Voraussetzungen für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Multimedium Handy zu schaffen. Der Handyführerschein ist für die Grundschule konzipiert. Das Projekt wurde bereits 2004 vom Informationszentrum Mobilfunk initiiert und bietet verschiedene Unterrichtsmaterialien, unter anderem den Handyführerschein sowie Fortbildungen für Lehrerinnen und Lehrer, an. Die Materialien beinhalten dabei Lehrer-Informationen sowie Arbeitsblätter. Die dabei zu vermittelnden Inhalte sind zum Thema Mobilfunk entsprechend altersgerecht aufbereitet – idealerweise für die 3./4. Klasse. Das Projekt „Handyführerschein“ besteht aus sechs Unterrichtseinheiten. Sie lassen sich einzeln oder in einem geschlossenen Projekt verwenden. Alle Details zum Projekt sind unter www.schulprojekt-mobilfunk.de zu finden.«
Frau Großmann, wo können sich Eltern zum Thema Kinder und Handy beraten lassen?
»Hier gibt es für Eltern verschiedene Möglichkeiten:
- Jugendschutz-Landesstellen www.jugendschutzlandesstellen.de
- Die ortsansässigen Jugendämter
- Der Deutsche Kinderschutzbund: www.medien-dschungel.de und www.fsm.de
Seit August 2009 bietet der Deutsche Kinderschutzbund (DKSB) in Kooperation mit dem IZMF bundesweit die Medienkurse „Wege durch den Mediendschungel - Kinder und Jugendliche sicher in der Medienwelt begleitend“ an. Ausgebildete Kursleiterinnen und Kursleiter vermitteln Eltern und pädagogischen Fachkräften dabei Chancen und Risiken der Mediennutzung von Kindern.«
Auch in Thüringen gehen die Meinungen der Eltern zum Thema Kinder und Handy zuweilen weit auseinander. Wir haben uns deshalb mit jungen Müttern unterhalten, um aus der Lebenspraxis Meinungen zum Thema Kind und Handy zu erfahren. So erklärt Irina Kirmse: »Ich würde meiner Tochter Ida ein Handy kaufen, wenn sie anfängt allein mit Freunden etwas zu unternehmen.« Ernst fügt die 31 jährige Jenaer Mutter jedoch hinzu, »Sollte das Mobiltelefon dagegen für Teenagerprobleme benutzt werden und die Kosten deshalb in die Höhe schießen, würde ich ihr das Handy auch wieder wegnehmen.«
Ganz anders sieht dies Karin Keding, KIDS und Co Redakteurin und Mama einer fünfjährigen Tochter. »Mein Kind bekommt ein Handy, sobald es allein zu bestimmten Orten gehen darf. Noch ist sie zu klein, doch kann ich mir durchaus vorstellen, dass sie mit Beginn der Schulzeit ein eigenes Handy bekommt, wenn sie allein nach Hause gehen darf.« Aber auch die Erfurterin weiß, dass mit dem Kind über das Handy gesprochen werden muss: »Kinder und Eltern sollten bestimmte Regeln für den Umgang mit dem Handy festlegen, an die sich auch gehalten werden muss.«, hält sie fest und fügt hinzu »auf keinen Fall sollen Kinder das Handy als Spielzeug sehen.«
Die dreifache Mutter Katharina* hatte anfangs zwar aus relativ pragmatischen Gründen ihren Kindern ein Handy gegeben, doch sie dann oft nicht erreicht. »Im Nachhinein wurden meine diesbezüglichen Erwartungen enttäuscht, denn Emanuel* hatte das Handy, wenn ich ihn mal erreichen wollte, entweder nicht mit oder nicht an. Das ist auch heute noch so.«, weiß die 41 Jährige. »Absprachen mit Freunden laufen dann doch eher über ICQ. Auch mit seinen Freunden. Also eigentlich eine Fehlinvestition.« Dennoch hat die Jenaerin ihrem zehnjährigen Sohn letztes Jahr zu Weihnachten ein Handy geschenkt und hofft nun »den Alltag besser organisieren zu können. Denn es gab in der letzten Zeit häufig Situationen, in denen sich Elias* das Handy von Freunden oder Betreuern ausborgen musste um sich mit mir abzusprechen.«
So kann das Handy für viele Eltern ein wichtiges Hilfsmittel sein, mit ihren Kindern in Kontakt zu bleiben oder sie im Notfall erreichen zu können. Allerdings bleibt auch dabei stets ein gewisses Restrisiko bestehen. Denn Kinder toben nun einmal im Freien und auch ein Handy wird etwaige Gefahren und Unfälle nicht verhindern können, wohl aber einen schnellen Kontakt in diesen Situationen mit den Eltern herstellen können.
Was ist was?
• Bluetooth – Datenübertragungstechnik per Funk
• GSM – Datenübertragungssystem
• Infrarot-Schnittstelle – Datenübertragungstechnik zur Kommunikation des Handys mit dem PC
• MMS - „Multimedia Message Service“ – u.a. Mitteilung mit Fotos / Videos
• PIN – Zugangscode für das Handy
• Prepaidkarte – wiederaufladbare Guthabenkarte
• Provider – Anbieter von Dienstleistungen
• Push-To-Talk – Walkie-Talkie Funktion des Handys
• SAR-Wert – Strahlungswert des Handys
• SIM-Karte – „Subscriber identification module“ –Mobilfunkkarte zur Erkennung des Anschlusses
• SMS – Kurzmitteilungsdienst
• UMTS – Datenübertragungssystem, v.a. für Internetempfang über das Handy





