Kribbelbunt

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Kind und Kanu

Kraft und Geschicklichkeit sind die wichtigsten Eigenschaften für erfolgreichen Kanuslalom, heißt es. Die Sportlerin steuert das Boot durch einen Wildfluss. Eine ganz andere Herausforderung ist das Muttersein. Da geht es nicht mehr darum, sich zu behaupten oder zu gewinnen. Für Mandy Planert, Kanutin von Weltklasse und Mutter des 18 Monate alten Jonas, sind Sportkarriere und Familie zwar keine Gegensätze, aber trotzdem schwer vereinbar.

Gerade haben die beiden gefrühstückt. Heute konnten sie ausschlafen. Der kleine Wonneproppen saust durch Küche und Flur ins Wohnzimmer und schleppt allerlei Spielsachen an: den Miniatur-Regiestuhl, auf dem bald Bert aus der Sesamstraße mit einer Gitarre sitzt. Auf Knopfdruck rockt Bert. Sein Sound begleitet Mamas Gespräch vorzüglich. Sie steht auf und tanzt eine Runde mit ihrem Sohn. Sie will die kostbaren Momente mit ihm auskosten.

»Er ist ein unkompliziertes Kind«, sagt Mandy Planert. Das muss Jonas wohl auch sein. Im Presserummel um seine Eltern zeigt er keine Scheu. Wir schreiben einen Dienstag im September, eine Woche vor der Weltmeisterschaft in Brasilien. Am Freitag schon werden Mandy Planert und ihr Lebensgefährte Jan Benzien im Flieger sitzen. Und Jonas? Um den kümmern sich Oma und Opa in Steinbrücken bei Bad Köstritz. »Da geht es ruhiger zu als bei uns«, ist sich seine Mutter sicher. Auch sie ist in gewisser Weise ein unkompliziertes Kind, umgänglich und offen duzt sie jeden sofort.

Mit acht Jahren hat sie zum ersten Mal im Kajak gesessen, ab 15 das Sportgymnasium Leipzig besucht. Sie hat eine Ausbildung zur Sozialversicherungsfachangestellten und ein Studium in Sport- und Tourismusmanagement absolviert. Heute paddelt die 32 jährige an der Weltspitze. Neben Wettkämpfen, Presseterminen und Mutterrolle muss Mandy Planert auch anstrengende Trainingseinheiten, Physiotherapie und ihren Beruf bewältigen. Sie ist beim Sächsischen Kanuverband Nachwuchstrainerin. Fast zu viel für einen 24-Stunden-Tag.

Nach dem Aufstehen bringt sie Jonas in die Krippe und es folgt ihr dicht gedrängtes Tagesprogramm. Im Kanupark in Markkleeberg gibt es feste Trainingszeiten, die so genannten Landesstützpunktzeiten, auch abends. »Dann müssen zu Hause Freunde, Bekannte oder Verwandte einspringen, aber es tut einem am Herzen weh, wenn man zurückkommt und Jonas schläft schon.« Von der Küche in dem kleinen Reihenhaus in Neulindenau kann man von der Durchreiche ins Wohnzimmer schauen und weiter in den Garten. Oft hat die junge Familie bestimmt nicht Zeit, dort draußen in der Sonne zu sitzen. Jan Benzien »ist ein Wessi, der in den Osten gekommen ist«, sagt Mandy Planert über ihren sieben Jahre jüngeren und ebenfalls im Kanusport erfolgreichen Freund. Es ist nur zwei Tage her, da hat er die deutsche Meisterschaft gewonnen. Die Profisportlerin hofft: »Jetzt nach seinem Studium kann er mir hoffentlich mehr unter die Arme greifen.«

Man kann es sich kaum vorstellen, wie die aktive Frau 2006 Babypause gemacht und ein halbes Jahr zu Hause geblieben ist. Noch mit dem dicken Bauch ist sie zur Trainingsgruppe gegangen und hat sich nebenbei auf's Fahrrad gesetzt. Im April wurde Jonas dann geboren und im Oktober hat sie zum ersten Mal wieder trainiert. Im Profisport heißt Kinderkriegen meist das Aus der Karriere. Viele versuchen den Neuanfang und scheitern. Auch für Mandy Planert ist der Einstieg unsäglich hart gewesen, vor allem das Ausdauertraining im Winter. Aber dazu hat sie sich überwunden. Passanten haben sich umgedreht, als sie mit dem Kinderwagen joggen ging. Die treibende Kraft sei ihr Freund gewesen. Aber wenn sie über ihre Beziehung zum Sport spricht, klingt es wie eine Liebeserklärung. Die Schmetterlinge im Bauch seien es, die sie weitermachen lassen. »Sonst könnte ich alles an den Nagel hängen.«

Neben dem Gefühl war es aber auch der neue Kanupark in Markkleeberg, der sie zum Weitermachen antrieb. »Vorher stocherte ich in der Weißen Elster herum, da wäre ich doch blöd gewesen, wenn ich es nicht probiert hätte«, erzählt die junge Frau freimütig. Und es hat sich gelohnt: das Leipziger Slalom-Paar ist mit Gold fürs Kajak-Team von Planert und Silber für die Canadier-Einer-Mannschaft mit Benzien aus Brasilien zurückgekommen.

Inzwischen hat es Jonas Mama ins Wohnzimmer gezogen, Jonas und sie sitzen auf dem Fußboden und spielen. Mehr Ruhe wünscht sich die Profisportlerin in dieser schnelllebigen Zeit. Aber wann? Nur selten lässt sie etwas von dem Druck durchblicken, der auf ihr lastet: »Ich lebe gerade sehr am Limit. Abends sage ich manchmal: ich kann nicht mehr.« Der Spagat zwischen der sorgenden, "weichen" Mutterrolle und dem harten Sport - von dem sie sagt, er sei egoistisch - könnte größer nicht sein.

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