…ich habe die Platte gehört wenn ich traurig war, wütend oder bis über beide Ohren verliebt…
Im Gespräch mit Oberbürgermeister Dr. Albrecht Schröter über musikalische Leidenschaften, Lausbubenstreiche und seine Liebe zur Politik
Seit einem Jahr sind Sie Oberbürgermeister. - Ihr Resümee: Haben Sie sich Ihre Arbeit so vorgestellt?
Im Großen und Ganzen habe ich mir das schon so vorgestellt. Zumal ich aus diesem Sachgebiet komme und die Arbeit als Dezernent vergleichbar ist mit der des Oberbürgermeisters. Nur die Themen, mit denen man zu tun hat sind umfassender und der zeitliche Aufwand sehr viel größer. Das habe ich geahnt, das ganze aber selbst zu erleben, ist noch Mal eine andere Geschichte. Es sind natürlich sehr viele Dinge hinzugekommen, bei denen ich die Stadt nach außen hin vertrete oder in Gremien sitze, was vorher nicht der Fall war und viel Zeit kostet. Und ich habe mir natürlich auch Ziele gesetzt, an denen ich arbeite - da hat man schon zu tun. (schmunzelt)
Apropos Ziele… Sie hatten sich ja bereits im Wahlkampf erzgeizige Ziele gesetzt…
…die ich auch weiterhin verfolge: Das Erste ist, die Wirtschaft zu stärken und damit die Situation auf dem Arbeitsmarkt für Jena noch zu verbessern. Da sind wir bereits recht gut vorangekommen. Wir sind jetzt bei einer Arbeitslosenquote von 10,7 Prozent und nähren uns der 'magischen' 10 Prozentmarke. Diese möchte ich gern unterschreiten. Das zweite Ziel ist die Familienfreundlichkeit dieser Stadt noch zu verbessern. Wir kommen immer mehr in eine Zeit hinein, in der die Gewinnung von Fachkräften schwieriger und der Konkurrenzkampf zwischen den Kommunen härter wird. Daher werden die so genannten weichen Standortfaktoren immer mehr zu harten Faktoren und gerade die sozialpolitischen Dinge wichtiger. So fragt zum Beispiel ein Professor, der sich überlegt ob er dem Ruf nach Jena folgen möchte schließlich sehr genau nach: Was habt Ihr an Angeboten für meine Kinder, wie sieht die Kinderbetreuungsstruktur aus, was gibt es an Schulausbildung und an Kultur? Es gilt also die Familienfreundlichkeit noch weiter zu entwickeln. Drittes Ziel ist, die Verwaltung in meiner Amtszeit zu einer noch moderneren und schlagkräftigeren Verwaltung umzubauen. Und wenn man so will, gibt es ein viertes Ziel: Jena nach außen hin noch bekannter zu machen. Da gibt es zum Beispiel ja bereits mit dem "Jahr der Familie" und bald mit der "Stadt der Wissenschaft" erste gute Erfolge.
Das klingt nach viel Vorhaben und sehr viel Arbeit. Bleibt da noch Zeit für Privates?
Muss! (lacht herzlich). Früher konnte man spontaner sein, ins Konzert oder Essen gehen. Das geht heute auch, nur etwas eingeschränkter. Es muss besser geplant sein. In meinem Kalender trage ich mir extra Zeiten für Privates ein. Zum Beispiel nehmen wir uns einmal in der Woche ein paar Stunden füreinander, trinken mit den Kindern Kaffee, um einfach miteinander zu reden. Das genießen wir sehr. Ich halte zwei Dinge für sehr wichtig: zum Einen, dass junge Menschen das Gefühl haben ihre Fragen los zu werden und dass ein Vertrauensverhältnis besteht. Wenn meine Tochter mit mir, ihrem "alten" Vater über Dinge spricht, die sie unglücklich machen, dann ist das was Besonderes und heutzutage nicht unbedingt alltäglich. Zum Zweiten spielt die Verlässigkeit eine wichtige Rolle, dass die Kinder wissen, 'ich kann meine Dinge besprechen'. Ich habe als Kind selber diese Erfahrung gemacht. Mein Vater als Pfarrer hatte in seinen Gemeinden viel zu tun, aber er hat sich immer verlässlich jeden Sonntagnachmittag die Zeit für uns Kinder genommen, mit uns gespielt oder ähnliches. Ich hatte nie das Gefühl, meine Eltern hätten keine Zeit für mich.
Sie selbst sind wie zuvor Ihr Vater Pfarrer geworden, eine Vertrauensperson für viele Menschen. Wann stand für Sie der Entschluß fest, Oberbürgermeister zu werden?
Mein Vater war immer Vorbild für mich in seiner Amtsausübung. Aber er hat mich nie in seine Richtung gedrängt. Ich selbst bin aus Überzeugung mit Leib und Seele Pfarrer geworden und bin es heute noch ehrenamtlich. Ich freue mich noch immer sehr darüber, wenn ehemalige Konfirmanden-Kinder zu mir kommen und mich bitten sie zu trauen oder ihre Kinder zu taufen. Oberbürgermeister wollte ich nicht aus Karrieredrang oder Geltungsbedürfnis heraus werden - da wäre auch die Wirtschaft viel lukrativer. Hauptsächlich haben zwei Aspekte dazu geführt. Die Politik hat mich schon zu DDR-Zeiten, auch in meinem Amt als Pfarrer, gerade in der Jugendbildung, begleitet. Wir haben über Che Guevara gesprochen und politische Systeme verglichen. Mein Herz hat also schon immer ein Stückweit für die Politik geschlagen. 1990 bin ich in die SPD eingetreten und habe ehrenamtlich im Stadtrat und in Ausschüssen mitgewirkt. 1998 sind dann Parteifreunde auf mich zugekommen und wollten mich gern als Oberbürgermeister-Kandidaten aufstellen. Ich habe mir Zeit für diese Entscheidung genommen. Auch als Christ habe ich mir überlegt, was es bedeutet dieses politische Amt auszuüben. Es ist mein Weg. Es ist eine Arbeit, die mir unglaublichen Spaß macht und daran haben auch Tiefschläge nichts ändern können. Und ein bißchen ist es auch hier wie in einer "großen Gemeinde". (lacht herzlich)
Was hielten Sie davon, gingen Ihre Kinder auch eines Tages in die Politik?
Momentan sieht es nicht so aus, als ob sie in die Politik gehen würden. Aber wenn sie es wollten, würde ich mich durchaus freuen. Als Christ sollte man sich engagieren und sich aktiv in die Gesellschaft einbringen - Dann nicht als Lobbyist sondern als "Salz in der Suppe". (schmunzelt) Ich fände das gut und würde sie dabei auch unterstützen - aber auch sagen, wo ich Schwierigkeiten sehe.
Was ist Ihnen in der Erziehung wichtig, welche Werte sollte man Kindern mitgeben?
Fröbel sagte einst 'Erziehung ist Liebe und Vorbild'. Das haben mir meine Eltern vorgelebt und uns sechs Geschwistern damit beigebracht, wie sie Dinge sehen. Natürlich habe ich auch Strenge erfahren. Eltern sollten zeigen, wo ihre Positionen sind, sie sollten Grenzen zeigen und Freiraum lassen, damit sich Kinder entfalten. Was ich selbst als unglaublich anregend empfunden habe, ist eine Vielfalt an Dingen zu erleben. Ich finde es wichtig, dass Eltern ihren Kindern die Welt zeigen. Das sind prägende Erfahrungen, die man mitnimmt und auch gern weitergibt.
Mhh… waren sie selbst ein echter Lausbub, der anderen Streiche gespielt hat?
(Verschwörerisches, spitzbübisches Lächeln…) Ich meine, ich war sogar ziemlich unleidlich. Zwischen dem fünften und zehnten Lebensjahr war ich recht anstrengend für meine Eltern - auch wenn manch einer das heute von mir nicht mehr glauben würde… (lacht) Und: Natürlich habe ich auch Streiche gespielt. Zum Beispiel gab es da früher Stühle, die hatten solche Vertiefungen. In diese konnte man wunderbar Wasser füllen… und auch Filzkissen mit Stecknadeln sorgten für manchen Spaß. Jedenfalls bin ich in dieser Zeit in "Betragen" meist nicht über eine Drei hinaus gekommen… (Denkt nach) …aber es gab natürlich auch die andere Seite. Ich bin zur Musikschule gegangen, habe viel Sport getrieben, zum Beispiel Langstreckenlauf viermal die Woche. Und ich hatte immer viele Freunde. Ich erinnere mich gern zurück als wir damals noch zusammen Chinesisch gegessen, Shakespeare in English gelesen und über Gott und die Welt gesprochen haben. Mit manchen halte ich heute noch Kontakt.
Wie sehr hat die Musik Ihr Leben beeinflusst?
Musik hat mich schon mein ganzes Leben begleitet. Ich erinnere mich, ich habe sie damals richtig in mich aufgesogen. Ich glaube, durch sie habe ich eine spezielle Basis der Ruhe in mir gefunden. Es gab eine Platte, Sinfonie Nr. 1 (Titan) von Gustav Mahler - die besaß alle musikalischen Attitüden. Ich habe sie gehört wenn ich traurig war, wütend oder bis über beide Ohren verliebt. (erinnert sich lachend). Das war meine ganz persönliche Art mich abzureagieren. Die Musik hat mich bis heute sehr geprägt.
Sie spielen selbst ja auch eigene Instrumente, Gitarre und Oboe…
Leider komme ich heute nur noch selten dazu. Manchmal sprechen mich Jugendliche der Pfarrgemeinde an und wünschen sich mit mir gemeinsam zu singen und zu spielen. Da kann ich nur schwer nein sagen. Kürzlich hatte ich das Vergnügen noch einmal für meine ehemalige Musikschulleiterin zu spielen. Sie hatte uns mit ihrem Besuch bei einem Treffen unserer ehemaligen Musikschulgruppe in einem Ort bei Bad Sulza überrascht und befehligte uns als Dirigentin. Als 80jährige Dame hatte sie einen Heidenspaß ihre 50 Jahre alten Schüler noch einmal zu dirigieren. (lacht amüsiert)
Was wären sie geworden, wenn sie nicht OB geworden wären? Sportler oder Musiker…
(schmunzelt) Es gab eine Zeit, da wäre ich wahnsinnig gern Dirigent geworden. Vor sechs Jahren habe zumindest einmal in einer Aufführung von "Peter und der Wolf" von der Jenaer Philharmonie mitwirken dürfen. Dabei hat sich mein Jugendtraum ein klein wenig erfüllt. Vielleicht vergönnt es mir der liebe Gott einmal die Jenaer Philharmonie zu dirigieren, wenigsten mal ein Stück lang…



